Einstmals Altona – mit jüdischen Kinderaugen gesehen, Fotoalbum |
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Aber wo ist Nummer 17? Weisst Du, dass ich meiner Lehrerin in der ersten Klasse sagte, dass P mein Lieblinsbuchstabe ist? P ist nämlich der Anfang von Palmaille und Papagoyenstrasse, wo die Schule, die “Schul” (Synagoge) und mein Zuhause waren. Damals lächelte meine Lehrerin ein lobendes, ermunterndes, leises Lächeln. Ob auch ihr da lächelt? Es ist mir, als wolltet ihr mich drängeln: So gehe doch in die Palmaille, die Palmaille gibt es ja noch! Keine “Terrorbombe” hat während des Krieges das Schulgebäude getroffen und zerstört. Aber wo ist Nummer 17?


Palmaille, 1932

Palmaille 17 hatte zwar den Krieg überstanden, aber das hat ihr nichts genützt. Sie wurde in den ersten Nachkriegsjahren abgerissen, wohl das einzige Haus an der Elbseite, das dort nicht mehr steht… Wo ist meine Schule, wo ist der Schulgarten, wo sind die Lehrer, wo die Schüler? Das neue Hochhaus ist doch nicht meine Israelitische Gemeindeschule! Meine Schule hat zu mir gesprochen, sie hat mit uns gemalt und gesungen, sie hat uns Schreiben gelehrt. Aber dieses Gebäude ist keine Schule. Ich umkreise die Asphaltpfade rings um den modernen Betonblock sieben Mal langsam und sorgfältig, wie die Braut den Bräutigam bei einer jüdischen Hochzeit. Es rüht sich nichts. Kein Laut wird hörbar, kein Buchstabe sichtbar. Nichts Geschriebenes. Keine Tafel. Kein Gedenken.
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Auch das “braune Haus”, Nummer 57 – in der Palmaille blieb unversehrt und es besteht noch bis heute. Merkwürdiger Weise wohnten dort einmal der Rabbiner mit seiner Frau und ihren neun jüdischen Kindern. Es war einmal… bis gegen die Familie ein Prozess angestrengt wurde, den sie natürlich verloren, woraufhin sie dem Rechtsspruch gemäss ihre Wohnung verlassen mussten. Wieviel Altona hatten wir von dort aus erlebt! Das Blücherdenkmal, die Elbe und die Nähe zum Rathaus; die freundlichen und die gehässigen Nachbarn und die Ereignisse in der Strasse, der Palmaille. In dieser breiten, schattigen Allee mussten “Tippel-Tappel” und andere harmlose Kinderspiele vor unseren Augen auf abhärtende Paraden uniformierter kleiner Knaben um- und gleichgeschaltet werden.
Die Palmaille Nr. 57 gehört jetzt einer “Shipping Company”. Heute ist Sonntag. Die Company und auch die Geschäfte sind geschlossen.







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Die Taube vom Fischmarkt
Früher, wenn Sonntags alle Geschäfte geschlossen waren, gab es immer den Altonaer Fischmarkt als Ausweg. Wir sollten dort Schollen oder Makrelen einkaufen, die billig und gleichzeitig koscher sind, denn diese Fische haben Flossen und Schuppen, wie es sich für einen koscheren Fisch geziemt. Die glitschigen Aale dagegen waren sozusagen glatzköpfig und nicht koscher, wie auch die Krebse, die immer gleichzeitig in alle Richtungen schielen und wettrennen konnten. Deshalb machten wir um sie stets einen grossen Bogen.
Am Fischmarkt gab es nicht nur Fische, sondern auch Blumen und Gemüse, gerupftes und lebendiges Geflügel und sogar Kanarienvögel. Einmal kauften wir an einem Stand eine Taube als Freunschaftszeichen. Susi und ich. Die Taube flatterte verängstigt und verängstigend um unsere Köpfe und schliesslich flüchtete sie sich zum Fischmarkt zurück.

Fischmarkt um 1933