Kreativ
Lottes plötzlicher Sturz von der Treppe brachte einen gebrochenen Knöchel mit sich; doch im Bett liegend, trotz ihrer Schmerzen, … hatte sie die originellsten Einfälle, wenn es darum ging, der Schwägerin, Tante Mirjam Cohn in Hamburg oder ihrer Mutter, Oma Preuss in Berlin eine persönliche Freude zu machen. So klebte sie aus Zeitungs-Ausschnitten und alten Fotos Phantasiealben zusammen, die die kleinen Wünsche und die täglichen Miseren in ein humorvolles Licht rückten, (Aussage von dem Sekretär Jumbo) und unterschrieb dann
“Die Redaktion – unveränderte Mutter – erhöhte Tochterdividende”
Bild-Album zum Blättern:
Deine Rabbiner Carlebach-Familie: Tante Miriam
(46 Jahre alt) –
Album zur silbernen Hochzeit, 1934

Aus einem Brief vom 23. April 1939 von Lotte Carlebach an Tante Miriam Cohn in Tel-Aviv:
„… es ist wohl nicht anzunehmen, dass wir noch mal gemeinsam über die Alster fahren werden . Aber hoffen wir, trotz und trotz alledem, dass wir in nicht zu ferner Zeit am Ufer des (Mittel)Meeres spazieren werden und vereint sind in alter und immer neuer Innigkeit und Liebe.
Eure Lotte”
Miriam Cohn

Bild-Album zum Blättern:
Meine (Arzt) Familie – Oma Preuss, Bild-Album zum 60. Geburtstag, 1936
Martha Rachel Preuss

Der 60. Geburtstag von Oma Preuss hätte am 16. Februar 1936 stattfinden sollen, aber Oma beschloss, “plötzlich und auf eigene Faust”, ihren seit 1934 in Israel lebenden unverheirateten Sohn zu besuchen. Zu Ehren dieses Tages, der nun nicht gefeiert wurde, verfasste Lotte Carlebach ein Gedicht. Es spricht nicht nur von der Verehrung und Liebe für ihre Mutter, sondern auch von ihrem Humor, ihren Kenntnissen des Hebräischen und Jüdischen und – fast möchte man sagen, auch des Israelischen.
Das Gedicht lässt ihre Sehnsucht zum Heiligen Land durchblicken und spricht wie eine hebräische Melodie von ihrer Liebe zu Zion.
Zu Oma’s 60. Geburtstag
Sechzig der Jahr schon warteten wir
Auf Oma΄s hohen Geburtstag hier.
Wir sagten extra dem Klapperstorch:
Bring uns in die Welt nicht allzuforsch,
Nein langsam peu à peu,
Dass das Fest, das Schöne, nicht verloren uns geh΄.
Dass wir fünfe in Leipzig, in Altona neun
Auch bei Omas Geburtstag anwesend seien.
Der Rabbiner-Vater bereitet die Predigt längst vor,
Die Kinder studieren Gesänge im Chor,
Und die Rebbezin, ganz außer sich, strahlend vor Freud΄,
Sie kauft sich bei Hirschfeld ein neues Kleid…,
Doch im letzten Momente geht alles schief,
Und Oma ist fern uns in Tel Aviv.
Was ist΄s bloß, was Oma so fesselt und band
An Jaffas muschligen Meeresstrand?
Ist Omas Liebe wirklich so tief
Zur Allenbystraße in Tel Aviv?
Doch Oma, Geliebte, wir zürnen Dir nicht,
Wenn uns auch vor Sehnsucht das Herze fast bricht.
Der schönste Geburtstag ist doch wohl
Im Frühlingszauber von Erez Jisroel,
Wo strahlend die Sonne am Himmel zieht,
Die Mandel in schneeweißer Schöne blüht;
Wo jüdisches Leben dem Boden entsprießt,
Schalom, es sei Friede – Dich allerwärts grüsst.
Nein, Oma, geliebte, wir sind schon zufrieden
Dass solch hohes Glück Dir wurde beschieden:
Bei Urmutter Zion, wo Englein weben,
Den Festtag des Sechzigsten froh zu erleben,
Wir winden voll Freude des Wiegenfests Reis
Bei Urmutter Zion der Großmutter Preuss:
Gott geb Dir Gesundheit und Liebe und Kraft,
Die täglich Lebensfreud΄ neu Dir schafft,
Er lass in der Ferne das Glück Dich sehn,
Dass statt vierzehn Enkel es sind vierzehn mal zehn.
Und langsam dann, peu à peu
Kommt auch die Enkelschar über die See
Und baut in Stockwerken ein Bet Mischpacha
Wie Tel Aviv noch keines je sah,
Wo Oma Parterre und die Enkel ohn΄ Zahl
Auf den Kopf Dir trampeln allzumal,
Und kommt dann zum Guten der siebzigste Tag
Die Freude ich mir nicht ausmalen mag,
Dann steigt Enkel- und Kinderschar nieder vereint
Zur Oma, die Tränen der Freude weint,
Sie alle segnet mit erhobener Hand
Für jüdische Zukunft im jüdischen Land.
Dann danken wir alle von Herzen tief
Dem Himmel, dem gnäd΄gen, in Tel Aviv.