
Mein Vater, Rabbi Mosche Chaim Lau הי”ד, war der letzte Rabbiner von Piotrekow. Aus den Gesprächen, die wir von Zeit zu Zeit führten, erfuhr ich von der engen Freundschaft, die ihn mit Rabbi Joseph Carlebach הי”ד, dem letzten Rabbiner von Hamburg-Altona-Wandsbek, verband.
Wir verbrachten zehn Tage auf dem Gut von Rabbi Schmuel Eichenbaum im Dorf Schadlisk bei Traweniki, ein Ort der später als Trainingslager der SS-Mörder, die die Konzentrations- und Vernichtungslager leiteten, berühmt wurde. Damals erfuhr ich über die Freundschaft zwischen Vater und Rabbi Carlebach.
Nachdem wir nach Pjotrkow zurückkehrten fiel mir der Briefwechsel zwischen den beiden auf. Erst nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, gegen Ende 1939, diktierte mir Vater einen Brief an Rabbi Carlebach in Hamburg zwecks Abschrift auf der Schreibmaschine. Ich erinnere die Adresse: „Ostmarkstrasse, Rabbi Joseph Carlebach, Rabbiner der AHW-Gemeinden“, die ich auf das Couvert schrieb…
Das nächste Mal stieß ich im Februar oder März 1940 auf den Namen von Raw Carlebach. Mit der Post kam ein Päckchen von Rabbi Carlebach aus Hamburg, mit dem deutschen Vermerk „Muster ohne Wert“, und enthielt getrocknete Feigen als Mischlo´ach Manot [Liebesgabe] zum Purimfest. Nach kurzer Zeit kamen zwei größere Pakete, jedes 1 Kilo schwer. Sie enthielten runde Mazzen zu Pessach, maschinell (nicht mit Hand) gebacken, während üblicherweise maschinell gebackene Mazzen viereckig waren. Rabbiner und Gelehrte diskutierten über die Kaschrut [rituelle Zulsslichkeit] dieser Mazzen, die man nicht von früher kannte,. Die Diskussion endete mit Vaters Entscheid: “Mazzen, die Rabbi Carlebach geschickt hatte, seien mit Bestimmtheit koscher, vielleicht sogar streng koscher…“

Unter Koscher-Aufsicht von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach
Zur Zeit des jüdischen Neujahrs ת”ש (1940) bekamen wir wieder eine Gabe aus Hamburg. Diesmal war es ein prachtvoller Etrog [eine besondere Zitrusfrucht], den die deutschen Zensoren entzweigeschnitten hatten!
Nach Beginn des Jahres 1941 wurden die Besetzungsbestimmungen strenger und das Ghetto, das schon seit Oktober 1939 bestand (das erste, das die Deutschen erstellten), wurde beinahe hermetisch abgeschlossen. Wir erhielten Post, konnten aber keinerlei Post mehr absenden. Aber auch in diesem Jahr bekamen wir vor Pessach einige Pakete Mazzen von Rabbi Carlebach aus Hamburg…
Nach den Hohen Feiertagen (1941) erfuhren wir schon von den Gräueltaten, die die Einsatztruppen in Ostgalizien und in der Ukraine verübten, gleichzeitig mit dem Eindringen der Wehrmacht in Russland. Im Rahmen von Vaters Versuchen, mit der Außenwelt Kontakt zu bekommen, hörte ich mehrmals den Namen von Rabbi Carlebach, als mögliche Kontaktadresse. Vater schrieb einen kurzen hebräischen Brief voll Andeutungen und hebräische und aramäische Kode-Worte und bat mich, Rabbi Carlebachs Adresse in deutschen Druckbuchstaben auf das Kuvert zu schreiben, ohne Angabe eines Absenders. Ich schrieb die mir bekannte Adresse, vergaß jedoch den Namen „Israel“ neben den Vornamen „Joseph“ zu schreiben, wie es den deutschen Juden vorgeschrieben war. Vater beschloss, den Briefumschlag ohne den jüdischen Vermerk abzuschicken, Der Brief wurde mit Hilfe eines Nichtjuden außerhalb des Ghettos abgeschickt, und nach etwa einem Monat kam die Antwort Rabbi Carlebachs an, worin er den Pogrom, der auf seine Gemeinde zukam, andeutete.
Einige Wochen später kamen zwei junge Leute in unser Ghetto: Chaim Jerachmiel Widewski und Jizchak Jostmann, die aus Chlemno geflohen waren, dem ersten Vernichtungslager, das durch Gasvergiftung mordete. Sie erzählten, was sie gesehen hatten. Niemand war bereit, ihnen zu glauben. Aber die Verbindung dieser Zeugenaussagen mit einer Postkarte von Rabbi Carlebach verstärkte bei uns allen das Gefühl des sich nähernden Unheils.
Dies erreichte uns im Oktober 1942, als mein Vater, Rabbi Lau mit meinem jüngeren Bruder, Schmuel Jizchak, zusammen mit 28000 Juden aus Pjotrkow in die Gaskammern von Treblinka geschickt wurden…
Denn ungefähr zu jener Zeit bekamen wir eine Postkarte irgendwo aus Ostpreußen, gemäß des Poststempels, den jemand auf der Karte entzifferte. Rabbi Carlebach schrieb auf der Karte:
Diese Zeilen sind in meiner Erinnerung eingemeißelt. Jedoch am Schluss dieser wenigen Sätze drückte er die Hoffnung aus, dass sie einander noch treffen werden, jeder am Freudenfest des anderen…“
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