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Ein Tag auf einem Luxury-Liner, 1937  
Die Sommerferien einer Londoner Familie in den nordeuropäischen Metropolen, Hamburg und Nazi Deutschland Part 4

In Nazi-Deutschland

Ein besonderes Thema der Reise, welches mir beim erstmaligen Betrachten der Fotos aufgefallen war, waren die vielen Besuche in den Synagogen der Städte und Großstädte, welche meine Familie besucht hatte. Wo auch immer sie hingingen, besichtigeten sie eine Synagoge. Ich kam nicht umhin, mir Gedanken zu machen, wieviele der Synagogen – wenn überhaupt!- die Nazis überstanden haben.

Mein Großonkel machte touristische Schnappschüsse von Soldaten in Nazi Uniform, wie auch von Straßenszenen mit der überall vorherrschenden Hakenkreuzfahne.

Es gab auch Bilder von Menschen, die sie während der Reise kennengelernt hatten, einschließlich von Rabbiner Carlebach und seiner Famile in ihrer Synagoge in Hamburg.


Meine Familie besuchte die Hamburger Synagoge am 31. August und wurde danach gastfreundlich im Hause von Rabbiner Carlebach, seiner Frau Lotte und den neun Kindern aufgenommen. Zusätzlich zu den Bildern des inneren Teils der Synagoge, inklusiv der “Schätze”, wurden auch Fotos im Garten der Carlebachs aufgenommen, Familienbilder, die mich zum Versuch inspirierten, die Beteiligten aufspüren. Obwohl Deutschland unter Nazi Herrschaft war, boten die Bilder den Touristen keinen Hinweis auf die entsetzlichen Geschehnisse, die sich nur ein Jahr später ereignen würden.
 
 
 
Fotos von dem inneren Teil der Synagoge Rabbiner Carlebachs, Bornplatz
1. Innenaufnahme zeigt den Almemor und Tora-Schrein
2. Der kleine Raum, in welchem die “Schätze” der Synagoge bewahrt wurden
3. Der Tora-Schrein und die Kanzel weisen auf wertvolle alte Gobelinteppiche hin


Die Laune an diesem August-Tag im Garten scheint eine heitere zu sein und die Fotos stellen ein fröhliches Familienbild dar. Ich bin nicht sicher, ob dem zu jener Zeit tatsächlich so war oder ob meine Familie wirklich eine Ahnung von dem Ernst der sich in Deutschland entfaltenden Situation hatte. Jüdisches Familienleben in London in den 30er Jahren war angenehm und die Juden in Großbritanien waren nicht speziell bedroht oder belästigt. Ich weiß nicht, ob der Besuch einfach ein zufälliges Treffen auf einem Familienurlaub war oder ob er in der Tat zuvor geplant wurde. Ich nehme an, dass Rabbiner Carlebach die unerträgliche gegenwärtige Lage mit seinen Gästen besprach, und vielleicht konnten meine Verwandten das erste Mal verstehen, wie ernst die politische Situation für jüdische Familien in ganz Deutschland geworden war.
 
 
 
Rabbiner Joseph und Lotte Carlebach in ihrem Garten

Rabbiner Joseph und Lotte Carlebach mit acht ihrer Kinder im Garten ihres Hauses, zusammen mit Leopold, Lily und Joan Hirshfield

Etwas mehr als ein Jahr später wurde die historische Synagoge von den Nazis zerstört; und Lotte Carlebach war mitten in einem heroischen und dringenden Bemühen, für die jüdischen Kinder von Hamburg eine Zuflucht in Britanien zu finden. Viele der Kinder, die “Glück hatten”, via Kindertransporte ein Zuhause in Britanien zu finden, sahen ihre Eltern und Geliebten nie wieder. Ich erinnere mich, wie mein Großvater mir einmal erzählte, dass Desmond vor dem Krieg in Deutschland gearbeitet hatte, aber leider habe ich keine Ahnung weshalb. Hatten meine Verwandten einen Beitrag geleistet in der Hilfe mit diesen Transporten und wenn dem so war, wie könnte ich herausfinden, was sie taten und in welcher Weise?

Es gibt bestimmt Beweise dafür, dass Desmond an der Evakuation jüdischer Teenagers und junger Erwachsener mithalf, und gemäß einem Buch über sein Leben, “Labour´s Visionary – Lord Hirshfield”, verbrachte er während des Zweiten Weltkrieges viel Zeit an der Mitarbeit im “Bloomsbury House”, wo die jüdische Gemeinde eine Notzentrale errichtet hatte. Im Buch wird erwähnt, dass Desmond mit der deutschen Sprache und mit Deutschland vertraut war und er auf vielen Ebenen tätig war. “Bis Dezember 1939 wurden Flüchtlinge unter der Bedingung aufgenommen, dass ihr Unterhalt von der jüdischen Gemeinde garantiert würde, und Desmond bat Freunde, Verwandte, Kunden und sogar flüchtige Bekannte eindringlich, als Bürgen zu fungieren. Er bemühte sich auch, für die Neuankömmlinge Unterkunft und – was vielleicht am Allerschwersten war – Arbeit zu verschaffen.”

Das Buch fährt folgendermaßen fort: “Nach Verhandlungen mit der “Nationalen Union der Landwirtschaftsarbeiter” (National Union of Agricultural Workers) und dem Arbeitsministerium, half Desmond ein Programm auszuarbeiten, das über tausend jüdischen Neunakömmlingen – alle Ende zehn oder anfangs zwanzig Jahre alt – ermöglichte, Arbeitsstellen auf dem Lande zu finden.”

So scheint es, dass Desmond in der “Bewegung für die Fürsorge der Kinder aus Deutschland” (Movement for the Care of Children from Germany) involviert war. Ein weiterer Beweis für Desmonds Mitarbeit wurde im Juni 2003 von Prof. Gillis-Carlebach in ihrem Dokument “Eine Geschichte hinter drei Briefen”Б. geliefert.

Zuruek
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