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... und der Walter und der Lutz  
Zur Geschichte einer ausgelöschten Familie

II. Unsere Kinderfreundschaft – „der Walterle und der Lutzele“

Die beiden Jungens, Walter und Lutz, gehörten zu unseren Kinderfreundschaften und besuchten – wie wir Carlebach Kinder – zuerst die Altonaer Israelitische Gemeindeschule, vielleicht weil sie ganz in der Nähe, auf derselben Straßenseite lag. Doch auch nach ihrem Übergang zum Christianeum-Gymnasium blieben sie weiterhin mit der jüdischen Schule verbunden. Vor allen Dingen wirkten beide bei den Schulfeiern in der Israelitischen Gemeindeschule mit: der schwarzhaarige Walter mit seiner Geige und der blonde, blauäugige Ludwig, genannt Lutz, war der Flötenspieler.

Noch im Jahre 1935 beteiligten sich beide Lichtheim Jungens an einer Schulfeier zum Chanuka-Fest, in der Rolle von “zwei Brüdern” in der von Lehrer Philipp Moddel verfassten Aufführung “Moriah”. Der Berg Moriah galt einerseits als “Gipfel der Pracht” und andererseits als “schlichtes Denkmal des Leids”…


Auch bei anderen Kinderaufführungen, die bei diesen Festakten den Eltern und der gesamten Schülerschaft vorgeführt wurden, hatte Walter mitgewirkt. Er war der Geigenspieler auf der Suche nach “Marie auf der Wiese”. Eine wunderschöne Kulisse mit Blumen diente als Wiese. Die zarte, vierjährige Noemi Carlebach wurde von der Mutter, Frau Rabbiner Lotte Carlebach, zur Schulfeier “ausgeliehen” – eben als “Marie auf der Wiese”, in einem grünen, blumen-verzierten Kleidchen. Walter begleitete den kleinen Kinderchor, zu Anfang bei dem traurig-verlorenen Teil ganz leise, und dann jubelte seine Geige zum Finale: “Ich hab sie gefunden, gefunden im Gras…”.

Marie auf der Wiese

Johannes Trojan 1837-1915
Melodie – Carl Heß

Marie auf der Wiese,
Auf der Wiese Marie,
Alle Gräser und Blumen
Sind größer als sie.

Mir wird schon ganz bang,
Weil ich nirgends sie seh’,
Ich hab sie verloren,
Verloren im Klee,

Zwischen Sternblumen weiß
Und den Glocken so blau
Und den gold’nen Ranunkeln,
Ei was ich da schau!

Das ist keine Sternblum’,
Ein Köpfchen ist das,
Ich hab sie gefunden,
Gefunden im Gras.

Die andere Aufführung gehört zur biblischen Geschichte. In einem sogenannten Schattenspiel war Walter – damals etwa dreizehn Jahre alt – der Joseph, und ich, drei Jahre jünger und klein von Gestalt – war der kleine Bruder Benjamin; ich spielte meine Rolle hinter dem Laken ganz richtig, bis Joseph, also Walterle, ausrief: “Komm an mein Herz, mein Benjamin…”. Da fiel ich vor lauter Schreck zwischen die Bühne und das Schatten-Laken.

In wiefern sind diese Miniatur-Szenen und Erinnerungen überhaupt geschichtlich und wertvoll?

Sie beschreiben den jähen Übergang von der Un-Schuld, der kindlichen Naivität und jugendlichen Kreativität, die ohne das leiseste Vergehen der jüdischen Kinder, der Schule und Gemeinde – in eine jähe, abrupte, ausgetüffelte Grausamkeit umschlug:

Die damals vierjährige Noemi, als Mariechen auf der Wiese, wurde zehn Jahre später, zusammen mit ihren Eltern und zwei nah-altrigen Schwestern im März 1942 in einem Wald bei Riga ermordet…

Der damals im Bar-Mitzwa Alter stehende Walter wurde zehn Jahre später mit seiner Mutter, Frau Margarethe Lichtheim, und seiner Tante, Frau Gertrud Monasch, im Mai 1942 im Todeslager Chelmo ermordet.

Da liegt der Zusammenhang…

Zuruek
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