

Lutz entwickelte für sich ein Doppelt-Leben. Er verenglischte seinen deutschen Namen Ludwig Lichtheim; und aus Pietät und zur Erinnerung legte er sich auch den jüdischen Namen seines Vaters bei und so hieß er jetzt offiziell: Louis Simon Layton.
Von 1941-1946 volontierte er im Australischen Militär. Er wollte im Andenken seiner Eltern und seines Bruders ein ehrwürdiges Leben führen, so wie er es zu Hause gesehen hatte: redliches arbeitsreiches Leben und Lernen. So holte er sein Abitur nach, schrieb sich dann an der Universität ein und schaffte es, sein Bachelor Degree im Fach Civil Engineering zu erreichen.
Das Andenken an seinen Vater war ihm die Richtschnur für sein Studium: Sein Vater hatte doch soviel für Wasser und Umwelt geleistet, sein Vater, dem vorgeworfen wurde, als Jude mit seinen Kindern das Wasser verpestet zu haben… Nach Jahren erhielt nun sein Sohn “the Certificate of Engineer Water Supply (VIC)”.
Lutz widmete sich ebenfalls dem Umweltschutz; seine Bemühungen führten endlich auch zur Gründung einer Gesellschaft für reine Luft in Australien, “The International Union for Clean Air”. Unermüdlich war auch sein Einsatz für die “Wasserfürsorge”: Schutz für Wasserqualität und Untergrundwasser, unentbehrlich für zukünftige Wasserversorgung. Für seinen außergewöhnlichen Einsatz auf diesem Gebiet und weiteren Umweltsprogrammen, war er der Erste, der für diese Tätigkeit eine Medaille der Auszeichnung erhielt. Das geschah im Jahre 1975, als der ehemalige Ludwig Lichtheim, nun Louis Simon Layton – jetzt in seinen fünziger Jahren – mit dieser Medaille ausgezeichnet wurde.


Doch nach diesem Höhepunkt und mit zunehmendem Alter kamen die Erinnerungen an die Schreckensereignisse zurück. Mit bleierner Schwere lastete auf ihm die Erinnerung an seinen Bruder; Walter war ja sein Kindertransport-Begleiter, der ihn, Lutz, in Sicherheit brachte; doch Walter selber, der die Mutter nicht im Stich lassen wollte, kehrte zu ihr nach Deutschland zurück, in die “Hölle” des Drachen.
Dass diese hoch stehenden, für Lutz so bedeutungsvollen Menschen auf so unmenschliche Weise gefoltert und ermordet wurden – diese Gedanken trübten und verdunkelten seine letzten bedrückenden Lebensjahre. Mit seinem einsamen Tod endete die Geschichte einer einzelnen Familie aus Deutschland: rechtschaffen, intelligent, kultiviert, begabt und wertvoll:
Es war eine jüdische Familie. Sie wurde ausgelöscht.

Werner Flocken erlebte als Kind, Schüler und Nachbarsjunge das Geschehen in der Palmaille 25, ein Stockwerk höher. Die antwortslosen Fragen, die er an seine Eltern richtete, verliefen ins Leere, aber ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. So begab er sich auf die Spurensuche, die von Altona bis Amerika reichte, bis er einen Schicksalsgenossen von Lutz-Louis fand, namens Peter Tikotin, und mit seinen nun nachgezeichneten Spuren, recherchierten Dokumenten und aufgezeichneten Interviews das Schicksal von Familie Lichtheim – wiewohl unveränderlich – wenigstens deutliche Konturen erhielt. Der endgültige Untergang der Familie Lichtheim ist besiegelt; sie ist ausgelöscht.
Aber der Fleiß und die Hingabe von Werner Flocken ermöglichen, die Spuren der Erinnerung zu ehren, Stolpersteine zu legen und ein Jahrzeitlicht anzuzünden. Das Andenken an Alle möge uns zum Segen werden…
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