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Ein Tag auf einem Luxury-Liner, 1937  
Die Sommerferien einer Londoner Familie in den nordeuropäischen Metropolen, Hamburg und Nazi Deutschland Part 6

Epilog

Ich konnte nicht verstehen, warum diese Bilder so lange gänzlich verborgen gehalten wurden; vielleicht waren die Erinnerungen an das, was der Familie Carlebach und so vielen andern, die sie in diesen Sommerferien kennengelernt hatten, widerfahren war, zu schmerzlich für meine Verwandten, oder sie hatten sich einfach entschlossen, sich nicht an Erinnerungen zu ergehen, oder sogar noch schlimmer – sie hatten es vergessen. Vielleicht blieben sie nach dem Krieg mit den überlebenden Familienmitgliedern in Kontakt. Ich weiß die Antworten nicht und niemand konnte sie mir sagen. So oder so wusste ich, ich musste es herausfinden; ich konnte das Album nicht wieder in den Schrank zurücklegen. Es gab Menschen, deren Leben es bereichern konnte, und es gab Geschichten, welche es erzählen konnte und welche den zukünftigen Generationen erzählt werden mussten.

Auf der Suche nach Antworten hatte ich das große Glück, dass die Familie Carlebach in der jüdischen Gemeinde Hamburg so prominent war. Dies ermöglichte mir, mit größerer Leichtigkeit zu forschen, als ich es mir zuerst vorgestellt hatte, und sehr bald las ich über die “Gemeinde-Synagoge Bornplatz”, heute der “Joseph-Carlebach-Platz”, die Stätte der Synagoge, wo nun ein Denkmal steht. Ich las im Internet Zeugenaussagen über die Familie Carlebach, wo ein Name hervorstach, und zwar von Prof. Miriam Gillis-Carlebach, eine Tochter von Rabbiner Joseph und Lotte. Sie war eine der überlebenden Familienmitgliedern.

Ich fand Prof. Gillis-Carlebach im Adressbuch der Bar-Ilan Universität in Ramat Gan neben Tel Aviv, was an sich selbst eine Fügung war, denn mein Großvater Norman war im Jahre 1975-76 als Bürgermeister von Barnet daran beteiligt, Borough of Barnet und Ramat Gan zu Partnerstädten zu verbinden. Als ich auf eine e-mail-Adresse von ihr traf, hatte ich plötzlich ein beklommendes Gefühl – sollte ich wirklich Kontakt aufnehmen…? Aber ich wusste, dass ich es tun musste. In dieser Nacht schrieb ich das Folgende:

London, England

Monday, 1 July 2002

Dear Professor Gillis-Carlebach,

I understand that you are a daughter of the late Chief Rabbi of Hamburg, Dr Carlebach. I am writing to you as I am in possession of photographs of you and your family which I believe will be of interest to you and I do not know if you have seen.

I am the great nephew of the Late Lord Desmond Hirshfield and the great-grandson of Leopold Hirshfield of London. You may recall spending time with them, together with my great grandmother, my great aunt and your family in August 1937, when they travelled to Hamburg on board TSS Arandora Star.

Lord Hirshfield left the photographs after his death to my grandfather (Norman Hirshfield) who in turn left them to his family.

There are a number of photographs of your family in the garden of your parent’s home and on board the Arandora Star. The pictures include all of your brothers and sisters, both with your parents and separately. There are photos of you playing various games, including “Bat Tennis, Table Tennis and Shuffleboard” on board the ship, against which my great uncle wrote “A little reminder of the afternoon spent by Dr Carlebach’s children aboard the

Arandora Star”.

Also included in the collection are photographs of your father’s magnificent Synagogue in Hamburg. These pictures show the “Entrance door, The Ark and Pulpit and the Al Memer and Ark”, together with pictures of the synagogue “Treasure”.

I have no way of knowing whether you have seen these photographs or had any contact with my great uncle since 1937, however I shall be only too delighted to send you copies. I very much look forward to hearing from you.

Yours sincerely,

Nigel L. Bobroff

Es folgte ein banges Warten auf eine Antwort und ich fürchtete, vielleicht keine zu erhalten. Etwa zwei Wochen später, als ich schon anfing zu zweifeln, ob ich jemals etwas hören würde, erhielt ich folgende Antwort:


Dear Nigel Bobroff,

You can’t imagine the great surprise and joy you caused to me by your letter. I just returned from a two weeks visit in Hamburg and between other documents I was looking for authentic family pictures. I admire your way finding my e-mail address and in return I answer you by e-mail, because this is the quickest way and I don’t want to let you wait for my reply.
Yes of course I am very very much interested to get the pictures; I remember the visit of your noble Lord Hirshfield family in our home in the Hallerstrasse and later the “dream visit” on the ship. I wonder whether you read German, because I wrote about this visit in a book called “every child is my only one” (Hamburg 1992,1993, 2000). May I ask you, if there are any letters or any other correspondence between my father, Rabbi Dr. Joseph Carlebach or my mother Lotte Carlebach and your family? Everything is of most interest for me.
Please tell/write me, what I could possibly do for you as a sign for my gratefulness. Please send the pictures to the “bold” address below.
I hope to meet you one day in Israel in the Carlebach Institute.
\\’ith genuine thanks and warmest regards
Sincerely yours

Prof. Miriam Gillis-Carlebach
Institute Director
Joseph Carlebach Institute
Bar-Ilan University-v
Ramat-Gan 52900
Israel

l4-Jul-02

Diesen Bericht schrieb ich auf Bitte von Prof. Gillis-Carlebach hin, und ich bin froh und geehrt, dass sie mich dazu gebeten hat. Ich bin sehr stolz darauf, dieses wundervolle und ergreifende Album geerbt zu haben, welches über die Tatsache hinaus, dass ich über meine eigene Familie kurze Zeit vor der größten europäischen und jüdischen Tragödie in der Geschichte Näheres lernen konnte, Jahre später eine der überlebenden Familienmitglieder, Prof. Miriam Gillis-Carlebach, tief gerührt hat. Sie selbst hat sich ihr Leben lang dazu engagiert, Leute wie mir zu helfen, die Verheerung und den Horror, unter welchen so viele gelitten hatten, besser zu verstehen (wenn das überhaupt möglich ist).

Ich bin tief inspiriert, die Bekanntschaft mit der Carlebach Familie gemacht zu haben – so viele Jahre nach dieser ersten Begegnung, und ich bin voller Hoffnung, dass diese Geschichte nie mehr vergessen werde.

Nigel Bobroff

London
März 2006.

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