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Wilhelminenhöhe – aus ersten und letzen Tagen, 1923-1946
 

II. Wilhelminenhöhe in Briefen

(gemäß: M. Gillis-Carlebach, Miriam, Jedes Kind ist mein Einziges –
Lotte Carlebach-Preuss, Antlitz einer Mutter und Rabbiner-Frau. Hamburg: 2000)

…So war ich die erste, die sich allein entschlossen hatte nach Erez Israel auszuwandern. Meine Pläne waren auch ganz konkret. Ich wollte weiter zur Schule gehen, bis ich ein Zertifikat bekam, und die Sommerferien 1938 ausnützen um mich in einem Kollektiv-Sommerlager in Wilhelminenhöhe für die Jugend-Alija (Einwanderung) vorzubereiten.

Denn seit den frühen dreißiger Jahren diente Wilhelminenhöhe auch als Ausbildungsstätte für jüdische PraktikantInnen aus Hamburg und Umgebung, die sich in der Gärtnerei, im Haushalt und – soweit möglich – auch in der Landwirtschaft für Palästina vorbereiteten.

Das Sommerlager Wilhelminenhöhe stellte vieles in den Hintergrund. Die dortige Arbeit im Garten und in der riesigen Küche, die Gemeinschaft mit fast nur Gleichaltrigen, und vor allen Dingen das äußerst intensive Hebräisch- und Jüdischlernen – übernahmen örtlich und gedanklich die aktiven Hauptrollen, während Hamburg 1938 und die allgemeinen Geschehnisse als mehr passive, aber wie in einem Albtraum, ununterbrochen drohend, unaufhaltsame Kulissen wirkten. In Wilhelminenhöhe war die Hauptfrage für jeden einzelnen von uns: Ob er den Anforderungen Genüge trage, um für eines der so spärlichen Zertifikate bestätigt – oder “zurückgestellt” werde.

Das war keine Prestigeangelegenheit. Ein Zertifikat bedeutete Lebensgarantie. Ich kam zur Bar-Mitzwa-Feier meines jüngeren Bruders schon fast wie eine Ausgewanderte – mit der Bestätigung für ein Zertifikat.

Aus einem Sammelbrief von Lotte Carlebach über die Bar-Mitzwa, Ende August 1938:

 

…am Freitag morgen kam dann Mirjam „eingetrudelt“, die ihr Vorbereitungslager zur Jugend-Alija in Wilhelminenhöhe gerade absolvierte und zwei Tage Urlaub bekommen hatte. Inzwischen ist sie zur Alija bestätigt worden und wird wohl im Laufe dieses Winters nach Erez (Israel) gehen.

So hat Wilhelminenhöhe mir das Leben gerettet…

B”H Meine geliebte Oma, (2. März 1939)

Letzten Schabbat waren wir in Wilhelminenhöhe, wo es ganz herrlich war. Jo fühlte sich nach allem (was in Hamburg geschah) doch sehr erholungsbedürftig.

So fuhren er und ich am Mittwoch Nachmittag heraus, Donnerstag waren wir allerdings einige Stunden in Hamburg, weil Jo dort „amtlich” zu tun hatte. Am Freitag Nachmittag ließen wir dann die drei Kleinen (Schwestern) und Shlomoh herauskommen. Esther war ja in Berlin und Eva hatten sie im letzten Moment noch wieder zur Mithilfe bei der Leitung eines Jugendlagers gerufen. Das Wetter war herrlich, und wir hatten ein paar wunderschöne Tage dort – nur zu kurz. Vielleicht lässt sich das bald wieder machen.

Morgen müssen wir unser Silber abgeben, viel ist es ja nicht. Deine Lotte.

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Meine geliebte Oma (8. August 1939),
 
Ich weiß, ich bin furchtbar schlecht, ich habe so ewig nicht mehr geschrieben – es ist unmöglich! Ich komme einfach nicht mehr dazu. Ich hätte so schrecklich gern, dass Jo noch einmal für ein paar Tage weggeht. Er kann sich nicht entschließen, und man weiß ja auch wirklich nicht wohin. Vielleicht wird in Wilhelminenhöhe noch etwas frei, aber ein Vergnügen ist das auch nicht, bei dem Riesenbetrieb dort (es sind jetzt immer z .Zt. 70 Kinder draußen, außerdem alles voll mit Sommergästen). Auch sind die Betten da so schrecklich. Dass mich das so stört, daran merke ich, dass ich alt werde. Sonst ist es da draußen ja wirklich sehr schön, Luft, Essen etc. 

Shlomoh war 3 Wochen da, kommt heute zurück, Baby (Sara) war 3 Wochen da (jeder mit seiner Klasse). Und diese Woche kommen wahrscheinlich Ruth und Noemie raus…
Seid alle zusammen innig gegrüßt, Deine Lotte

In Wilhelminenhöhe hatten meine ELTERN zum letzten Mal etwas Erholung.

An Eva Carlebach, England (21. August 1939)

B”H Geliebte Eva Loj”t

Also erst einmal 1000 Dank für Deine liebe Karte. Hier [in Wilhelminenhöhe] ist es ziemlich schön. Ich möchte Dir schnell einmal den Tag beschreiben. Morgens um 7 Uhr müssen wir aufstehen. Wir waschen uns nicht, sondern in Turnzeug müssen wir hier antreten. Wir machen einen Waldlauf und einige Übungen, dann müssen wir uns waschen und die Betten auslegen, dann trinken wir Kaffee.

Nach dem Kaffee müssen wir unsere Betten machen. Dann toben wir, spielen Völkerball, Mikado und so weiter. Um 2 Uhr wird Mittag gegessen. Nach dem Essen dürfen wir machen, was wir wollen. Um 5½ gibt es Kaffe, d.h. Marmeladen-Butterbrot und Kaffee oder Orangade. Um 8 gibt es Abendrot und um 9 Uhr müssen wir ins Bett. Wir sind hier 70-80 Kinder… .

Viele 1000… Küsse und Grüsse, Deine an Dich stets denkende Ruth.

P.S. Heute waren wir beim Baden, es war enorm. Zuerst sind wir Watt gelaufen. Aber ich mag hier nicht gerne sein. [2 Reihen sind von der Zensur übermalt] Es schlafen 2 Jungens bei uns im Zimmer, einer weil er ungezogen war, da musste er eine ganze Woche bei uns schlafen. Und einer für die ganze Ferienzeit.

Also nochmals viele 10000… Grüsse und Küsse. Deine Ruth

In Wilhelminenhöhe verbrachten die jüngeren Carlebach-Kinder ihre letzten Ferien vor der Deportation.


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